13-teilige kicker-Reihe „Jugendsünden. Die Probleme im deutschen Nachwuchs-Fußball“

Die Nachwuchsleistungszentren – ein Kommentar

Nach dem Vorrundenaus bei der EM 2000 war den Beteiligten des DFB klar, dass sich an der Jugendausbildung in Deutschland etwas ändern muss. Ein Jahr später endete der Diskurs über die verschiedenen Möglichkeiten in der Installation der Nachwuchsleistungszentren bei allen Mannschaften aus den beiden Bundesligen. Mit durchaus ansprechenden WM und EM Ergebnissen in den nächsten Jahren sah man sich auch auf seinem Weg bestätigt, bis das doch krachende Vorrundenaus bei der WM 2018 in Russland das Thema neu aufrüttelte. Viele Experten stiegen in die Diskussion mit ein und auch der kicker hat sich Ende des vergangenen Jahres mit einer Reihe an verschiedenen Berichten daran beteiligt. Dr. Thomas Roßberger, Ex-Profi und Gründer der ESM-ACADEMY, hat diese zusammengefasst und kommentiert:

Plan B vs. Spielerberater

Der Mainzer NLZ-Leiter Volker Kerstin nennt erfreulicherweise viele Missstände beim Namen. Es bleibt zu hoffen, dass er dadurch nicht zum „Nestbeschmutzer“ abgestempelt wird. Da auch die mittlerweile sehr anerkannte Managerschmiede ESM-ACADEMY kürzlich einen hochkarätig besetzten Präsenztermin unter dem Titel “NLZ -Chance und Verantwortung zugleich“ durchführte, begrüßen wir die Initiative des Kicker, diesem so wichtigen Thema eine ganze Reihe an Beiträgen zu widmen.
Das ungeliebte Phänomen der „Berater“ von 11, 12-jährigen Nachwuchstalenten bedarf etwa dringend einer klaren, verbindlichen Regelung. Eine Registrierung als Berater beim DFB gegen Zahlung von 500€ wird die Seriosität dieser Branche jedoch nicht steigern können. Da auf die „Selbstreinigung“ zu setzen, wie es die Vereinigung der Berater, die DFVV propagiert, ist bestenfalls als naiv zu beurteilen. Zu groß ist die Gier, ein bis zwei „große Transfers“ zu schaffen und an Millionen-Provisionen zu kommen. Es wäre z.B. eine sehr einfache Lösung denkbar, dass ausschließlich die Eltern ihr Kind bis zur Volljährigkeit beraten oder vertreten dürfen in Gesprächen mit Clubs. Das bedarf lediglich einer Konsequenz auf Seiten der Eltern und der Clubs.
NLZ Leiter Kerstin bestätigt allerdings auch die Forschungsergebnisse der ESM-ACADEMY, dass zwar auf einen Abschluss der Schulbildung Wert gelegt wird, allerdings leider der Hinweis auf einen „Plan B“ für U19 und U21 Spieler fehlt. Da wird den Spielern kein „reiner Wein“ eingeschenkt, denn nur durchschnittlich 1-2 Talente pro Jahr schaffen dauerhaft den Sprung zum Profifußballer. Alle anderen brauchen eine sinnvolle Ausbildung, die zu einem einträglichen Job führt. Zu viele landen da leider schnell in einer Sackgasse.

Studium und Fußball kombinieren?

Vincent Kompany, Kapitän des amtierenden Champions Manchester City und belgischer Nationalspieler hat es geschafft, neben seiner so zeitaufwendigen Fußballprofi-Laufbahn ein BWL-Studium zu absolvieren. Allerdings musste er lange suchen, um ein Studienmodell zu finden, das sich perfekt in den Profialltag integrieren lies. Zahlreiche deutsche Bundesligaprofis haben genau aus diesem Grund auf die Flexibilität des ESM-ACADEMY-Systems vertraut. Kompany ist damit eines von zahlreichen Beispielen, das zeigt, wie wichtig es ist, frühzeitig an „die Karriere nach der Karriere“ zu denken. Dieses Vorhaben ist auch unabhängig von Ligen, Einkommen und Nationalität. Außerdem habe das Studium auch seinen Blick auf den Profifußball geschärft und relativiert.

NLZs im internationalen Vergleich

Auch der DFB sieht 18 Jahre nach Einführung “Anpassungsbedarf“ bei den NLZs, insbesondere bei Talentförderung und Trainerausbildung. Der sportliche Leiter der Nationalmannschaften, Jeti Chatzialexou, wirkt dabei sehr selbstkritisch und progressiv mit seinen Statements in der Kicker-Reihe “Jugendsünden“.
Die “Akademien“, wie die NLZs mittlerweile heißen, sind nicht gleich “Akademien“. Selbstverständlich gibt es da gravierende Unterschiede in der strategischen Ausrichtung und den internen Strukturen. Ajax Amsterdam, obwohl seit Jahren nicht mehr zur Europäischen „Creme de la Creme“ gehörig, macht da immer noch einen außergewöhnlich guten Job und konnte gerade erst mit Frenkie de Jong eines seiner Toptalente für 75 Millionen € zum FC Barcelona transferieren.
Auch in puncto Internationalisierung sind unsere Nachbarn sehr agil und haben eine Kooperation mit dem chinesischen Spitzenclub Guangzhou R&F. Die Ajax Doktrin ist dabei ganz klar, „auf den eigenen Nachwuchs setzen“ und unterscheidet sich damit von vielen Vereinen in Deutschland. Unsere Studie konnte klar belegen, dass der „outcome“ an Nachwuchstalenten in den deutschen NLZs unbefriedigend niedrig ist. Selbst beim Branchenprimus FC Bayern konnte sich seit Lahm, Schweinsteiger und Müller kein Talent mehr dauerhaft im Profibereich etablieren. Die kürzlich eingeweihte FCB-Akademie soll das jetzt zügig ändern, so Bayern Boss Hoeneß unmissverständlich.
Der Jugendfußball-Experte Ernst Tanner, der über die Stationen 1860 München und Hoffenheim schließlich bei Red Bull Salzburg die Jugend-Akademie leitete, gibt interessante Einblicke in die strategische Ausrichtung der Nachwuchs-Ausbildung bei internationalen Top-Clubs wie Barcelona, Atletico Madrid, Manchester City und eben auch RB Salzburg, mit dem Tanner 2017 die UEFA Youth League gewann. Grundsätzlich, so Tanner, müsse jeder Club da seinen eigenen Weg finden, ob man verstärkt auf Scouting oder auf die gezielte Nachwuchs-Ausbildung in seiner Akademie Wert legt. Entscheidend ist, dass die Nachwuchstalente entsprechend der jeweiligen „Spielphilosophie“ ausgebildet werden. Lange wurde da vor allem von den Spaniern und Holländern auf Positions- und Passspiel Wert gelegt. RB setzte dann schon frühzeitig auf schnelles Umschaltspiel und lies das in den U-Teams trainieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt, so Tanner, sind heutzutage Kooperationen mit Akademien im Ausland. Aktuell sind dabei die interessantesten Länder, bzw. Kontinente Afrika, Brasilien und China. Das Hauptproblem für Tanner ist jedoch nach wie vor das Geld. Unseriöse Spielerberater und auch manche Clubs zerstören die Entwicklung junger Talente durch hohe Geldzahlungen und die Gier eines Tages „den großen Deal“ mit einem jungen Talent zu machen
Auch Tanner glaubt nicht an die Selbstregulierung der Branche diesbezüglich, da zu viel Geld im Spiel ist. Barcelona, ManCity und Chelsea investieren etwa 40 Millionen und mehr pro Saison. Zur Erinnerung, auch die deutschen Proficlubs investierten durchschnittlich 42 Millionen. Allerdings in den 17 Jahren seit der Gründung der NLZs im Jahr 2001! Tanner sieht aber in der Höhe des Investments nicht zwangsläufig den Schlüssel für die Generierung von Top-Talenten. Oft gelingt auch vermeintlich unbedeutenden NLZs ein großer Wurf, da diese häufig notgedrungen innovativer sein müssen.
„La Masia“ heißt die weltberühmte und sagenumwobene Akademie des FC Barcelona. Auch Superstar Lionel Messi kam einst mit 13 im Jahr 2000 aus seiner Heimat Rosario in Argentinien in diese Akademie. Gefragt nach der Spielphilosophie, die dem Nachwuchs vermittelt werden soll, antwortet der Leiter Jose Mari Bakero, selbst mit Barca mehrfacher Meister und Champions-League-Sieger, dass der Spielstil Barcelonas nun mal auf der Kontrolle des Balles und damit des Spielgeschehens beruht. Barca sieht da auch nach den Erkenntnissen der WM keine Notwendigkeit eines Systemwechsels. Vielmehr wird weiterhin noch mehr auf das spielerische Talent und weniger auf die Physis von Nachwuchstalenten Wert gelegt. Die Entwicklung der Junioren ist das wichtigste für uns, so Bakero weiter. Da entsteht sicherlich auch Druck auf Spieler und Trainer. Doch Druck ist völlig normal im Leben. Den gibt es auch in der Schule, beschwichtigt er. Auch Wettbewerb ist normal und gewünscht, meint Bakero. Den Titel in der Youth-League zu holen, wie 2018 geschehen, ist auch für Barcelona eine Prestigefrage und vielmehr ein Beleg, dass die Nachwuchs-Trainer einen guten Job gemacht haben. Extreme Bedeutung messen die Katalanen den Trainern bei. Diese werden synonym zu den Spielern ebenfalls mit Profilen gespeichert und gescoutet. Theoretisch kann laut Bakero ein U12 Trainer irgendwann bis zum Cheftrainer aufsteigen.
Obwohl Bakero selbstkritisch bemerkt, dass englische Clubs wie Tottenham, ManCity oder Everton deutlich modernere Akademien haben, so ist die Clubführung mit der Ausbeute aus La Masia zufrieden. Jedoch müssen wir uns auch regelmäßig hinterfragen, ob das alles noch so richtig ist, was wir machen.

Zukunft der deutschen NLZs

“Unser System ist in die Jahre gekommen“, bilanziert Meikel Schönweitz, seines Zeichens Trainer der U20 Nationalmannschaft und sportlicher Leiter der Juniorenteams des DFB. Obwohl die NLZs und das Talentförderprogramm des DFB dem Fußball in Deutschland einen großen Schub gegeben haben, haben uns scheinbar andere Nationen überholt. Die Frage, die sich da förmlich aufdrängt, ist doch, warum bemerkt der DFB das erst auf Nachfrage. Wo bleibt da das selbstkritische Hinterfragen des eigenen Tuns und die Selbstreflektion? Warum müssen erst „Externe“ den Finger in die Wunde legen? Erst wenn die Öffentlichkeit auf Missstände aufmerksam wird, beginnt ein Prozess der inneren Bestandsaufnahme und Selbstreinigung. Schönweitz Analyse führt an, dass das Spiel grundsätzlich schneller geworden ist. Athletik und Variabilität hätten enorm zugenommen. Genauso hätten Spielanalysen und das Tempo in den Medien zugenommen. Die vielzitierte „Digitalisierung“ macht auch keinen Halt vor dem Fußball, im Positiven (besseres und schnelleres Analysematerial) und im Negativen (Playstation statt Hinterhofbolzen) Wen überrascht das? Sind diese Phänomene nicht allgegenwärtig in der Zeit, in der wir jetzt leben.
Darüberhinaus merkt Schönweitz zu Recht an, dass die Nachwuchsspieler Ihre Belastungsgrenze erreicht, ja teils überschritten hätten! Demnach trainiert ein Top-Jugendspieler 7-8 mal die Woche. Man muss nicht Trainingslehre und Sportmedizin studiert haben, um zu bemerken, dass so viele Trainingsreize die physische und psychische Kapazitätsgrenze eines Teenagers bei weitem überschreiten. Was ist mit Freizeit? Wann haben die Jungs Zeit, um einfach mal ein Teenager zu sein und in Discos und Clubs zu gehen, um Entspannung von der dauernden Anspannung zu erleben? “Jeder Arbeiter würde kündigen, wenn er das Pensum leisten müsste“, lässt sich Meikel Schönweitz zitieren. Was passiert da mit jungen Menschen, die einfach nur Fußball spielen und ihren Traum leben wollen? Wen wundert es da nicht, dass das „System DFB“ nicht nur in die Jahre gekommen ist, sondern irgendwie typisch „Deutsch“ anmutet. Wir müssen oder wollen immer alles besser machen als die anderen. Vielleicht ist aber in dieser Hinsicht weniger mehr…